- Das "Pregnancy-Brain" ist keine Einbildung, sondern durch strukturelle Veränderungen im Gehirn nachweisbar
- Die graue Substanz des Hirns nimmt während der Schwangerschaft ab, während sich die Hohlräume (Ventrikel) vergrößern
- Besonders das Sprach- und Erinnerungsvermögen können betroffen sein, die Intelligenz und die Planungsfähigkeit bleiben jedoch erhalten
- Die Anpassungen scheinen nützlich zu sein, um die Mutter-Kind-Bindung zu stärken und Dich zu einer noch besseren Mama zu machen
Wo habe ich nur meinen Schlüssel hingelegt? Was wollte ich einkaufen? Viele werdende Mamas kennen das Gefühl, dass ihr Kopf in der Schwangerschaft ein unzuverlässiges Chaos wird. Das Phänomen des sogenannten „Pregnancy-Brains“ also „Schwangerschafts-Gehirns“ hat besonders in den letzten Jahren online viel Aufmerksamkeit erhalten. Dabei berichten Schwangere von vermehrter Vergesslichkeit und „langsamen Denken“ während der Schwangerschaft. Während manche Frauen einfach über ihre eigenen Schwierigkeiten lachen, scheinen diese Veränderungen für andere Schwangere ein echter Kampf im Alltag zu sein. Doch woher sollen diese Veränderungen kommen und ist da überhaupt was dran? Mach Dich mit uns auf eine Reise in die Neurowissenschaft, um die Frage ein für alle Mal zu klären.
Anatomie im Wandel: Was im Kopf der werdenden Mama passiert
Kaum zu glauben, aber wahr: Das Gehirn einer werdenden Mama unterscheidet sich tatsächlich strukturell von dem Gehirn einer Frau ohne Kinder!
Während der Schwangerschaft nimmt die graue Substanz im Gehirn der Schwangeren deutlich ab. Auch die Dicke des Kortex wird reduziert (Pritschet, L., et al., 2024). Die graue Substanz befindet sich hauptsächlich am „Rand“ des Gehirns und ist unter anderem für höhere kognitive Funktionen, Sinneswahrnehmung, Motorik, Gedächtnis und Emotionen zuständig. Der Kortex besteht mehrheitlich aus grauer Substanz und wird auch als „Hirnrinde“ bezeichnet. Er ist also die äußerste Schicht des Gehirns.
Gleichzeitig konnte festgestellt werden, dass sich durch eine Schwangerschaft die Ventrikel vergrößern und auch das Volumen der Cerebrospinalflüssigkeit zunimmt (Pritschet, L., et al., 2024). Die Ventrikel produzieren einerseits die Cerebrospinalflüssigkeit, und andererseits sind sie dadurch selbst mit dieser gefüllt. Sie sind also Hohlräume, die nicht mit Nervenzellen gefüllt sind. Die Cerebrospinalflüssigkeit ist für viele verschiedene Dinge zuständig: einerseits schützt sie das Gehirn vor Stößen, andererseits ist sie für die Nährstoffversorgung und Abfallentsorgung wichtig.
Im Rahmen von anderen Studien wurde dabei festgestellt, dass die Unterschiede in der Struktur des Hirns besonders im späteren Verlauf der Schwangerschaft deutlicher auftreten (Paternina-Die, M., et al., 2024).
Bei Frauen, die vor wenigen Tagen entbunden haben, konnte ebenfalls festgestellt werden, dass die frischgebackenen Mamas weniger graue Masse in gewissen Bereichen des Gehirns wie dem Hippocampus oder dem Frontallappen aufweisen. Auch die Verdünnung des Kortex konnte wenige Tage nach der Geburt nachgewiesen werden (Chechko, N., et al., 2022).
Das Gehirn scheint sich also ganz eindeutig an die besonderen Umstände in der Schwangerschaft anzupassen! Doch sind dadurch die bekannte Vergesslichkeit und andere Schwierigkeiten erklärbar?
So beeinflussen die Hirnveränderungen Deinen Alltag
Sehr eindrucksvoll ist erst letztes Jahr (2025) bewiesen worden, dass Schwangere beim sogenannten MoCA-Test (Montreal Cognitive Assessment) schlechter abschneiden als nicht-schwangere Frauen. Dieser Test ist dafür entwickelt worden, kognitive Beeinträchtigungen und Demenz frühzeitig zu erkennen. Aufgrund der schlechteren Testergebnisse lässt sich schließen, dass werdende Mamas tatsächlich kognitiv weniger leistungsfähig sind als andere Frauen. Dabei wurde auch besonders festgehalten, dass die Schwangeren im Bereich des Sprachvermögens unterdurchschnittliche Ergebnisse erzielten (Ali, S.A., et al., 2025). Auch dieser „Nebeneffekt“ einer Schwangerschaft dürfte so mancher Frau bekannt vorkommen…
Auch mittels anderer Untersuchungen kann der Abfall im kognitiven Leistungsvermögen bei schwangeren Frauen nachgewiesen werden. Dabei wurde festgestellt, dass neben dem Sprachvermögen auch das Erinnerungsvermögen vermindert sein kann. Bei manchen werdenden Mamas scheint auch die Verständnisgeschwindigkeit nicht mehr ganz so flott wie vor der Schwangerschaft zu sein (Younis, J., et al., 2025).
Eine gute Nachricht gibt es, aber auch falls Du Dir nun ernsthaft Sorgen um Deine geistige Verfassung machen solltest: Das Planungsvermögen und besonders die Intelligenz der untersuchten Frauen wurde durch ihre Schwangerschaft nicht vermindert (Younis, J., et al., 2025)! Somit dürften Schwangeren zwar ab und zu ein kleiner Stein in den Weg gelegt werden durch die Veränderungen im Gehirn, aber letztlich macht eine Schwangerschaft keineswegs „dumm“!
Das Rätsel gelöst? Ursachen des „Schwangerschaftshirns“
Das „Schwangerschaftshirn“ ist leider noch nicht vollständig erforscht und in mancherlei Hinsicht noch ein Mysterium. Manche Expertinnen und Experten sind sich relativ sicher, dass die Ursache besonders im Östradiol zu finden ist. Das Östradiol ist ein Hormon, das immer eine wichtige Rolle im Körper der Frauen spielt, aber während der Schwangerschaft in höheren Konzentrationen als sonst zu finden ist (Hoekzema, E., et al., 2022).
Andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen die Frage noch nicht so abschließend geklärt und geben auch noch anderen Theorien ihre Berechtigung. So könnten neben den Hormonen auch ein Energiemangel bei Schwangeren für die verminderten kognitiven Fähigkeiten zuständig sein. Das Wachstum Deines Babys braucht nämlich extrem viel zusätzliche Energie, und der weibliche Körper könnte dann, um genug Energie für das Baby zu haben, einfach weniger Energie für das Gehirn bereitstellen. Dass also das Gehirn mit weniger Energie weniger leistungsfähig ist, dürfte keine Überraschung sein. Möglicherweise priorisiert der Körper aber auch einfach – obwohl genug Energie zur Verfügung stünde. Denn aus rein biologischer Sicht ist es durchaus fraglich, ob überragende kognitive Fähigkeiten in der Schwangerschaft tatsächlich notwendig sind oder ob andere Aufgaben im Körper nicht wichtiger sind (Younis, J., et al., 2025).
Sinnvolles Chaos im Hirn für Super-Mamas
Nachdem nun eindeutig klar ist, dass sich das Gehirn durch eine Schwangerschaft verändert und dies mit Nachteilen für die betroffenen Frauen einhergeht, stellt sich natürlich die Frage, warum das so passieren muss und ob, es da keine bessere Lösung gibt. In all dem Schlammassel und Chaos, das durch diese Umbauarbeiten verursacht wird, ist festgestellt worden, dass Du durch diese Veränderungen eine bessere Mama wirst! Klingt verrückt und macht auf den ersten Blick wohl auch keinen Sinn. Auf den zweiten Blick bemerkten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aber den Vorteil der ganzen Angelegenheit: Die neue Struktur im Gehirn führt dazu, dass Du eine bessere Beziehung zu Deinem kleinen Wunder aufbauen kannst! Außerdem fällt es Dir dadurch leichter, besser auf Dein Baby zu reagieren! All die nervigen Veränderungen scheinen also letztlich doch ziemlich positiv zu sein, und vielleicht hilft Dir dieser Gedanke ja auch, wenn Du Dich wieder über Dich und Dein „Schwangerschaftshirn“ ärgerst (Younis, J., et al., 2025).
Bleibt die Vergesslichkeit für immer?
Natürlich stellst Du Dir nun die Frage, ob Du bis in alle Ewigkeiten vergesslich bleiben wirst, nach der Geburt – eine sehr berechtigte Frage. Leider ist dies eine Frage, die aber schwierig zu beantworten ist. So wurde schon festgestellt, dass man auch sechs Jahre nach der Schwangerschaft anhand der Gehirnstruktur erkennen kann, ob eine Frau schwanger war oder nicht! Ziemlich faszinierend! Auch sechs Jahre nach einer Schwangerschaft kann sich das Hirn natürlich noch verändern, aber die Studienautorinnen und Studienautoren gehen davon aus, dass diese Veränderungen eventuell lebenslang bestehen bleiben (Martínez-García, M., et al., 2021).
Andere Forschende haben jedoch festgestellt, dass das Gehirn nach der Geburt wieder eine Veränderung durchläuft und „jünger“ aussieht, als es vor der Schwangerschaft getan hat (Luders, E., et al., 2022).
Abschließend lässt sich dazu wohl nur sagen, dass noch weitere Untersuchungen nötig sind und überhaupt noch gar nicht klar ist, ob beziehungsweise inwiefern diese (potentiell bestehenden) Hirnveränderungen nach der Schwangerschaft noch einen Einfluss auf die kognitiven Leistungen der Frauen haben.
Häufige Fragen zum Thema
Was genau ist das "Pregnancy Brain"?
Es bezeichnet die vermehrte Vergesslichkeit, Wortfindungsstörungen und eine gefühlt langsamere Auffassungsgabe während der Schwangerschaft.
Wird man durch die Schwangerschaft weniger intelligent?
Nein! Studien zeigen, dass weder die allgemeine Intelligenz noch das Planungsvermögen abnehmen. Lediglich spezifische Bereiche wie das Kurzzeitgedächtnis oder das Sprachvermögen sind temporär beeinträchtigt.
Warum verändert sich das Gehirn überhaupt?
Die Natur optimiert das Gehirn für die Mutterschaft. Die strukturellen Veränderungen helfen dabei, eine engere Bindung zum Kind aufzubauen und schneller auf die Bedürfnisse des Babys zu reagieren.
Verschwindet die Vergesslichkeit nach der Geburt wieder?
Das ist noch nicht ganz geklärt. Während einige Veränderungen der Hirnstruktur jahrelang nachweisbar bleiben, zeigen andere Studien, dass das Gehirn nach der Entbindung wieder Regenerationsprozesse durchläuft. Die meisten Mamas berichten jedoch, dass sich der „Nebel“ im Alltag nach der Hormonumstellung wieder lichtet.
Referenzen
- Pritschet, L., Taylor, C. M., Cossio, D., Faskowitz, J., Santander, T., Handwerker, D. A., Grotzinger, H., Layher, E., Chrastil, E. R., & Jacobs, E. G. (2024). Neuroanatomical changes observed over the course of a human pregnancy. Nature neuroscience, 27(11), 2253–2260. https://doi.org/10.1038/s41593-024-01741-0
- Paternina-Die, M., Martínez-García, M., Martín de Blas, D., Noguero, I., Servin-Barthet, C., Pretus, C., Soler, A., López-Montoya, G., Desco, M., & Carmona, S. (2024). Women's neuroplasticity during gestation, childbirth and postpartum. Nature neuroscience, 27(2), 319–327. https://doi.org/10.1038/s41593-023-01513-2
- Chechko, N., Dukart, J., Tchaikovski, S., Enzensberger, C., Neuner, I., & Stickel, S. (2022). The expectant brain-pregnancy leads to changes in brain morphology in the early postpartum period. Cerebral cortex (New York, N.Y. : 1991), 32(18), 4025–4038. https://doi.org/10.1093/cercor/bhab463
- Ali, S. A., Sualeh, M., Raza, G., Sabeeh Ul Haq, M., Hissan, L., Zafar, D., Adnan, M., & Ali, S. K. (2025). Exploring the impact of pregnancy on cognitive function: a comparative study in a low-income setting. BMC pregnancy and childbirth, 25(1), 447. https://doi.org/10.1186/s12884-025-07539-7
- Younis, J., Bleibel, M., Masri, J. E., Ismail, A., & Abou-Abbas, L. (2025). Exploring the influence of pregnancy on cognitive function in women: a systematic review. BMC pregnancy and childbirth, 25(1), 88. https://doi.org/10.1186/s12884-025-07181-3
- Hoekzema, E., van Steenbergen, H., Straathof, M., Beekmans, A., Freund, I. M., Pouwels, P. J. W., & Crone, E. A. (2022). Mapping the effects of pregnancy on resting state brain activity, white matter microstructure, neural metabolite concentrations and grey matter architecture. Nature communications, 13(1), 6931. https://doi.org/10.1038/s41467-022-33884-8
- Martínez-García, M., Paternina-Die, M., Barba-Müller, E., Martín de Blas, D., Beumala, L., Cortizo, R., Pozzobon, C., Marcos-Vidal, L., Fernández-Pena, A., Picado, M., Belmonte-Padilla, E., Massó-Rodriguez, A., Ballesteros, A., Desco, M., Vilarroya, Ó., Hoekzema, E., & Carmona, S. (2021). Do Pregnancy-Induced Brain Changes Reverse? The Brain of a Mother Six Years after Parturition. Brain sciences, 11(2), 168. https://doi.org/10.3390/brainsci11020168
- Luders, E., Kurth, F., & Sundström Poromaa, I. (2022). The neuroanatomy of pregnancy and postpartum. NeuroImage, 263, 119646. https://doi.org/10.1016/j.neuroimage.2022.119646


















