Das Wichtigste über Krebsbehandlungen und Kinderwunsch
- Die Fruchtbarkeit wird durch Krebsbehandlungen leider oft eingeschränkt
- Dennoch können viele Frauen erfolgreich schwanger werden nach einer Krebserkrankung
- Neue Therapiemöglichkeiten wie eine AMH-Gabe (Anti-Müller-Hormon) werden außerdem erprobt
- Kryokonservierung ist eine bewährte und weit verbreitete Methode, um die Fruchtbarkeit vor einer Krebstherapie zu erhalten
Eine Krebsdiagnose ist ohnehin ein schwerer Schlag ins Gesicht für Betroffene. Viele schmerzhafte und unangenehme Prozeduren, Untersuchungen und Behandlungsschritte sind nötig, um den Krebs zu besiegen. Ist dies dann geschafft, beginnt das Leben abgesehen von der Krankheit wieder wichtiger zu werden und für viele stellt sich dann die nächste Frage: Kann ich überhaupt noch ein Kind bekommen?
Um Dir einen realistischen Einblick in dieses komplexe Thema zu geben, haben wir für Dich die relevantesten und neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse zusammengefasst.
Was sagen die Statistiken zur Fertilität nach Krebs?
Die Zahlen dazu, wie es ehemaligen Krebs-Patient:innen mit der Fruchtbarkeit geht, unterscheiden sich sehr stark. Gleich zu Beginn möchten wir Dich darauf hinweisen, dass sich die meisten Zahlen und Daten in diesem Artikel auf Frauen beziehen, da es zu Männern noch wenig Daten zu finden gibt. Im Absatz „Moderne Ansätze für Deine Fruchtbarkeitserhaltung“ findest du auch einige Worte zu männlichen Krebspatienten.
In einer Studie aus dem Jahr 2024 wurde festgestellt, dass rund 70% der teilnehmenden weiblichen Krebsüberlebenden einige Jahre nach der Krebstherapie (rund 3 bis 8 Jahre) wieder einen normalen Menstruationszyklus aufwiesen. Leider zeigte dieselbe Untersuchung auch, dass rund 28% der Studienteilnehmerinnen in demselben Untersuchungszeitraum unfruchtbar waren (Reiser, E., et al., 2024).
Das Level des AMH-Werts (Anti-Müller-Hormon) wird oftmals als Indikator für die weibliche Fruchtbarkeit genutzt. Mehr Infos dazu, bekommst Du hier. Jedoch scheint es bei Frauen, die in ihrer Kindheit Krebs hatten, schwierig zu sein anhand des AMH-Werts auf die Fruchtbarkeit zu schließen: So zeigt eine Studie, dass die AMH-Werte zwar tendenziell zu niedrig seien aber die Fruchtbarkeit dieser Frauen nicht unbedingt beeinträchtigt ist. Diesen scheinbaren Widerspruch führen die Studienautorinnen und -autoren darauf zurück, dass AMH zwar ein Indikator für die Anzahl der vorhandenen Eizellen, nicht aber die Qualität dieser ist (Nyström, A. et al., 2024).
Prämature Ovarialinsuffizienz ist kurz gesagt der Verlust der Eierstockaktivität vor dem 40. Lebensjahr. Sie kann unter anderem zu Unfruchtbarkeit führen. Die prämature Ovarialinsuffizienz scheint bei Frauen, die als Kinder Krebs besiegt haben, leider ein häufiger Stolperstein auf der Kinderwunschreise sein: So leiden je nach Krebs- und Therapieart zwischen 14 und 69% der ehemaligen Krebspatientinnen unter prämaturer Ovarialinsuffizienz, während dieser Wert in der Gesamtbevölkerung Schwedens (wo diese Studie durchgeführt worden ist) nur bei rund 1.9% liegt (Nyström, A. et al., 2024).
Schwangerschaft nach einer Krebserkrankung
Die Datenlage zu Schwangerschaften nach einer Krebsbehandlung ist leider noch dünner als jene zur Fruchtbarkeit. Aus diesem Grund sind eindeutig noch weitere Untersuchungen nötig. Nichtsdestotrotz möchten wir Dir hier aktuell verfügbare Zahlen und Daten präsentieren:
Rund 6 Jahre nach einer Krebstherapie lag die Rate für spontane Schwangerschaften und daraus folgende erfolgreiche Geburten bei 20% laut einer Untersuchung aus dem Jahr 2020. Nur eine Dame, die an der Studie teilnahm, hatte versucht mithilfe einer Kryokonservierung schwanger zu werden aber leider keinen Erfolg gehabt. Es ist jedoch anzumerken, dass die Werte in dieser Studie ohne Berücksichtigung von andauernder Krebstherapie, Kinderwunsch, Familienstand der Frauen oder anderen Faktoren angegeben worden sind (Goeckenjan, M., et al., 2020).
In einer Studie aus dem Jahr 2024 wurde von höheren Erfolgschancen berichtet: Die Frauen in dieser Studie waren alle wegen Brustkrebs in Behandlung gewesen. Außerdem waren sie vor Beginn der Krebstherapie über Möglichkeiten ihre Fruchtbarkeit „zu erhalten“ aufgeklärt worden und hatten sich auch für eine solche Behandlung entschieden. Die Therapien zum Erhalt der Fruchtbarkeit waren verschiedene Formen der Kryokonservierung. Die Studienautorinnen und -autoren zeigten auf, dass knapp 40% der Frauen, die versucht hatten, schwanger zu werden, eine Lebendgeburt hatten. Dabei handelte es sich sowohl um natürliche Empfängnis als auch künstliche Befruchtungen, die mithilfe der vor der Krebstherapie gewonnenen Zellen durchgeführt worden waren. Im Rahmen der Untersuchung wurde auch erhoben, dass 79.3% aller Schwangerschaften, die gemeldet worden waren, natürlich zustande gekommen sind und die eingefrorenen Zellen nur von 27% der Patientinnen wieder genutzt worden waren (Peigné, M. et al., 2024).
Ähnliche Ergebnisse zeigt eine andere Studie, bei der von 16 aufgezeichneten Schwangerschaften 11 natürlich und nur 5 mittels Kryo-Embryonen zustande kamen (Reiser, E., et al., 2024).
In einer schwedischen Studie konnte jedoch leider herausgefunden werden, dass obwohl auch bei (ehemaligen) Krebspatientinnen natürliche Schwangerschaften häufiger sind als künstliche Befruchtungen, es zumindest für Patientinnen, die Krebs in der Kindheit hatten, einen Wehmutstropfen gibt. Diese nehmen nämlich öfters zusätzliche Untersuchungen oder Behandlungen als Nicht-Krebs-Patientinnen in Anspruch und dürften insgesamt im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung eine verminderte Fruchtbarkeit aufweisen (Nyström, A. et al., 2024). Für Frauen deren Krebserkrankung erst im erwachsenen Alter auftrat, sind uns leider keine solche Daten bekannt.
Moderne Ansätze für Deine Fruchtbarkeitserhaltung
Wie Dir vielleicht bereits aufgefallen ist, haben wir in diesem Artikel bereits öfters von Kryokonservierung als Maßnahme die Fruchtbarkeit zu erhalten, gesprochen. Diese Therapie gilt sowohl für Männer als auch für Frauen als vielversprechende Therapie, da die Eizellen, Spermien, Embryonen oder Gewebe bereits vor der Krebstherapie entfernt werden können und somit dadurch nicht geschädigt werden. Vermutlich hast Du aber auch bereits bemerkt, dass von den Frauen, die Kryokonservierung gemacht haben, viele nie auf die eingefrorenen Zellen zurückgreifen. Trotzdem berichten die Frauen davon, dass Kryokonservierung für ihr psychisches Wohlbefinden nützlich sei – auch das ist ein wichtiger und legitimer Faktor auf der Kinderwunschreise. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler empfehlen deshalb die Kryokonservierung sofern möglich durchführen zu lassen. Leider ist Kryotherapie nämlich nur für Patientinnen oder Patienten geeignet, die vor Therapiebeginn ausreichend viele und gute Eizellen oder Spermien aufweisen. Kryotherapie ist also frühestens ab Pubertätsbeginn geeignet und auch dann kann bei einer schlechten Eizell- oder Spermienqualität eine Befruchtung und erfolgreiche Schwangerschaft schwierig zu erzielen sein. (Vakalopoulos, I., et al., 2015 und Goeckenjan, M., et al., 2020).
Eine Studie an Mäusen kann jedoch besonders weiblichen Krebspatientinnen Hoffnung geben: Wird den Tieren neben der klassischen Krebstherapie auch AMH (Anti-Müller-Hormon) zugeführt, könnten die ovariellen Ressourcen geschützt werden. Außerdem scheint die AMH-Gabe zumindest bei bestimmten Krebsarten antiproliferativ zu wirken und somit das Wachstum der Krebszellen zu hemmen. Die AMH-Therapie muss aber langsam und schrittweise abgesetzt werden, um nicht negative Effekte zu haben. Außerdem merken die Studienautorinnen und -autoren an, dass AMH bisher nicht an Menschen verabreicht wird. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass die Gabe von AMH sicher sein sollte. Weitere Untersuchungen sind aber defintiv nötig (Rodgers, R. J., et al., 2021).
Wichtige Fragen zum Thema Krebsbehandlungen und Fruchtbarkeit
Kann ich nach einer Krebsbehandlung noch schwanger werden?
Viele Frauen können nach einer Krebsbehandlung noch schwanger werden – die meisten sogar auf natürlichem Weg. Zur Fruchtbarkeit bei Männern sind leider keine guten Daten verfügbar, jedoch gehen wir davon aus, dass die Chancen ähnlich sind. Deine persönlichen Chancen sind aber sehr individuell und von vielen Faktoren abhängig.
Wie hoch ist das Risiko für Unfruchtbarkeit?
Nach einer Krebsbehandlung ist das Risiko für Unfruchtbarkeit leider erhöht im Vergleich zu anderen Frauen. Während andere kaum Probleme aufweisen, zeigen manche Untersuchungen, dass rund 30% der Patientinnen unfruchtbar sind. Das hängt jedoch sehr stark mit dem Alter dieser zusammen. Auch Männer können durch eine Krebstherapie unfruchtbar werden.
Welche Möglichkeiten gibt es vor der Therapie die Fruchtbarkeit zu erhalten?
Es gibt einige Möglichkeiten, die du helfen könnten oder zumindest vielversprechend wirken in ersten Studien:
- Kryokonservierung von Eizellen, Eierstockgewebe, Spermien oder Embryonen
- Hormonelle Therapie (AMH-Gabe aber bisher nur in Tierstudien erprobt)
- Individuelle Beratung durch Reproduktionsmedizinerinnen und -Mediziner vor Therapiebeginn
Gibt es noch andere Möglichkeiten die Chance auf eine Schwangerschaft zu erhöhen?
Wie bei allen Menschen mit Kinderwunsch, gibt es vor allem viele Lebensstilfaktoren wie die Ernährung, Rauchen, Alkoholkonsum aber auch Stress und Schlafqualität, die einen Einfluss auf die Fruchtbarkeit haben. Selbst Energy-Drinks scheinen nach neuen Erkenntnissen einen negativen Einfluss auf die Fruchtbarkeit zu haben – hier findest du mehr dazu. Zusätzlich kannst du versuchen Deine Fruchtbarkeit durch Nahrungsergänzungsmittel zur Unterstützung Deiner Kinderwunschreise einzunehmen oder Deinen Zyklus genau zu tracken.
Was ist AMH und warum ist es wichtig?
AMH (Anti-Müller-Hormon) ist ein Marker für die ovarielle Reserve und kann helfen, die Eizellenreserve einzuschätzen. AMH kann jedoch die Qualität der Eizellen nicht bestimmen und ist auch kein Versprechen – weder für eine erfolgreiche Schwangerschaft noch für Fertilität.
Referenzen:
- Reiser, E., Böttcher, B., Ossig, C., Schiller, J., Tollinger, S., & Toth, B. (2024). Female cancer survivors: sexual function, psychological distress, and remaining fertility. Journal of assisted reproduction and genetics, 41(4), 1057–1065. https://doi.org/10.1007/s10815-024-03051-7
- Rodgers, R. J., Abbott, J. A., Walters, K. A., & Ledger, W. L. (2021). Translational Physiology of Anti-Müllerian Hormone: Clinical Applications in Female Fertility Preservation and Cancer Treatment. Frontiers in endocrinology, 12, 689532. https://doi.org/10.3389/fendo.2021.689532
- Nyström, A., Mörse, H., Øra, I., Henic, E., Engellau, J., Wieslander, E., Tomaszewicz, A., & Elfving, M. (2024). Anti-Müllerian hormone and fertility in women after childhood cancer treatment: Association with current infertility risk classifications. PloS one, 19(8), e0308827. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0308827
- Goeckenjan, M., Freis, A., Glaß, K., Schaar, J., Trinkaus, I., Torka, S., Wimberger, P., & Germeyer, A. (2020). Motherhood after cancer: fertility and utilisation of fertility-preservation methods. Archives of gynecology and obstetrics, 301(6), 1579–1588. https://doi.org/10.1007/s00404-020-05563-w
- Peigné, M., Mur, P., Laup, L., Hamy, A. S., Sifer, C., Mayeur, A., Eustache, F., Sarandi, S., Vinolas, C., Rakrouki, S., Benoit, A., Grynberg, M., & Sonigo, C. (2024). Fertility outcomes several years after urgent fertility preservation for patients with breast cancer. Fertility and sterility, 122(3), 504–513. https://doi.org/10.1016/j.fertnstert.2024.04.033
- Vakalopoulos, I., Dimou, P., Anagnostou, I., & Zeginiadou, T. (2015). Impact of cancer and cancer treatment on male fertility. Hormones (Athens, Greece), 14(4), 579–589. https://doi.org/10.14310/horm.2002.1620



















