- Das Darmmikrobiom wirkt sich sowohl bei Frauen als auch bei Männern erstaunlich stark auf die Fruchtbarkeit aus
- Bei Frauen können unter anderem Fehlgeburten und Einnistungsversagen mit dem Mikrobiom zusammenhängen
- Auch Krankheiten wie PMOS (früher PCOS), Endometriose und Adenomyose werden durch das Mikrobiom beeinflusst
- Verringerte Testosteronwerte und eine schlechte Spermienqualität sind bei Männern häufig die Konsequenz eines gestörten Mikrobioms
- Probiotika können in gewissen Fällen eine sinnvolle Therapie sein aber auch durch andere Maßnahmen kann eine Verbesserung erreicht werden
Das Darmmikrobiom wird seit einiger Zeit zunehmend als Ursache oder zumindest Übeltäter für viele verschiedene Beschwerden gesehen. Immer öfter wird auch dem Darmmikrobiom die Schuld an verminderter Fruchtbarkeit gegeben. Doch können Bakterien im Darm tatsächlich einen Einfluss auf Deine Kinderwunschreise haben?
Wodurch wird das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht gebracht?
Das Mikrobiom des Darms kann durch vielfältige Ursachen beeinflusst werden. Besonders eine schlechte Ernährung, der Missbrauch von Antibiotika oder Adipositas können das Mikrobiom beeinflussen (Barnea, E. R., et al., 2026). In Bezug auf die Ernährung sollte unter anderem auf eine hohe Zufuhr an Ballaststoffen geachtet werden. Diese sind unter anderem in Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Obst und Gemüse zu finden. Selbstverständlich kann das Mikrobiom aber auch durch andere Faktoren wie Krankheiten beeinflusst werden.
Auswirkungen des Mikrobioms auf die weibliche Fruchtbarkeit
Die Auswirkungen des Mikrobioms auf die weibliche Fruchtbarkeit werden fast immer unterschätzt. Entgegen der Erwartung vieler, sind diese Bakterien nämlich extrem wichtig und wirken sich auf den gesamten Körper und damit eben auch das reproduktive System aus. Darmflora und reproduktives System können sich gegenseitig beeinflussen und stehen in ständiger Wechselwirkung miteinander (Tahtouh Zaatar, M., et al., 2026).
Ist das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht geraten, kann es zu einer Fehlfunktion des Eisprungs kommen. Außerdem kann es über verschiedene hormonelle und metabolische Mechanismen (Mechanismen, die den Stoffwechsel betreffen) zu einer Verminderung der Eizellqualität kommen (Balagoni, S., et al, 2026).
Auch die Erfolgschancen einer künstlichen Befruchtung werden durch das Mikrobiom mitbestimmt. Bereitet das Mikrobiom Probleme, so ist auch eine künstliche Befruchtung weniger wahrscheinlich erfolgreich (Tahtouh Zaatar, M., et al., 2026).
Eine chronische Entzündung der Gebärmutterschleimhaut also eine chronische Endometritis kann ebenso durch ein gestörtes Mikrobiom begünstigt werden. Besonders ein Mangel an Lactobacillus ist hierfür maßgeblich (Hiratsuka, D., et al., 2026).
PMOS
Patientinnen, die unter PMOS (früher PCOS) leiden, weißen besonders oft ein gestörtes Mikrobiom auf, das sich negativ auf die Fertilität auswirkt (Hiratsuka, D., et al., 2026). Ein gestörtes Mikrobiom wirkt sich jedoch auch negativ auf PMOS aus. Dadurch dürfte es besonders für Frauen, die unter PMOS leiden wichtig sein, sich auf die Verbesserung ihres Mikrobioms zu konzentrieren. Neben Probiotika dürften besonders Ballaststoffe und Metformin vorteilhaft für PMOS-Patientinnen sein (Tahtouh Zaatar, M., et al., 2026).
Im Rahmen einer Studie mit Patientinnen, die auf eine Insemination vorbereitet worden sind, konnten Expertinnen und Experten nachweisen, dass eine Einnahme von Probiotika die Dicke des Endometriums positiv beeinflussen kann. Dadurch kann möglicherweise die Aufnahme und Einnistung erleichtern. Die Einnahme der Probiotika erfolgte über einen Zeitraum von 8 Wochen (Behroozilak, T., et al., 2026).
Endometriose und Adenomyose
Sowohl Endometriose als auch Adenomyose können durch ein Ungleichgewicht des Mikrobioms begünstigt werden (Balagoni, S., et al, 2026; Hiratsuka, D., et al., 2026). Für diese Patientinnen empfehlen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler besonders eine Therapie mit vaginalen Antibiotika beziehungsweise vaginale Probiotika. Ob Antibiotika oder Probiotika die geeignetere Therapie ist, sollte individuell unter Absprache mit einer Ärztin oder einem Arzt entschieden werden (Hiratsuka, D., et al., 2026).
Wiederholtes Einnistungsversagen (RIF) und wiederholte Fehlgeburten (RPL) und Mikrobiom
Eine Darmflora im Ungleichgewicht kann leider auch dramatische Folgen in Bezug auf Einnistung und Bestehen einer Schwangerschaft haben. Ein Mangel an Lactobacillus (manchmal auch Laktobazillen genannt), also einer bestimmten Gattung an Bakterien, scheint wiederholtes Einnistungsversagen (RIF) leider zu begünstigen. Dieser Mangel ist besonders schwerwiegend, wenn er nicht nur im Darmmikrobiom, sondern auch im Mikrobiom der Vagina nachgewiesen werden kann (Hiratsuka, D., et al., 2026).
Auch (wiederholte) Fehlgeburten können durch ein Ungleichgewicht des Mikrobioms hervorgerufen werden. Wiederholte Fehlgeburten oder habituelle Aborte werden so bezeichnet, wenn zwei oder mehr Fehlgeburten vor der 20. Woche stattfinden. Weltweit sind rund 1-5% der Paare von wiederholten Fehlgeburten (RPL) betroffen. Besonders ein Mangel an Lactobacillus und eine verminderte Diversität des Mikrobioms können die Ursache für den Schwangerschaftsverlust sein. Hintergrund dafür können vermehrte Entzündungen oder auch eine Dysbalance im Immunsystem hervorgerufen durch die Störung des Mikrobioms sein. Auch die mütterlich-fetale Immuntoleranz kann durch das gestörte Mikrobiom beeinflusst werden. Dadurch ist es möglich, dass der Körper der Mutter das Ungeborene abstößt. In Bezug auf wiederholte Fehlgeburten scheint jedoch nicht nur das Darmmikrobiom sondern auch das vaginale und orale Mikrobiom eine entscheidende Rolle zu spielen (Bahia, W., et al., 2026).
Antibiotika und weibliche Fruchtbarkeit
Antibiotika sollen im Falle gewisser Krankheiten Bakterien abtöten, die diese Beschwerden verursachen. Leider werden durch Antibiotika aber immer auch gesundheitsförderliche Bakterien abgetötet. Dieser Schaden wird in Kauf genommen, da der Nutzen durch das Abtöten der schädlichen Bakterien in Fällen, in denen Antibiotika verschrieben werden, als größer angesehen wird als das Verringern der gesundheitsförderlichen Bakterien. Trotz der Berechtigung dieser Vorgehensweise können die Auswirkungen einer Antibiotika-Einnahme auf Deine Fruchtbarkeit leider gravierend sein: Durch die Veränderung im Mikrobiom kommt es mit einer höheren Wahrscheinlichkeit zu Infertilität, Fehlgeburten und Abnormalitäten der kindlichen Entwicklung. Dein Mikrobiom kann (und sollte) glücklicherweise auch wieder aufgebaut und verbessert werden nach einer Einnahme von Antibiotika. Du solltest also keine langfristigen Schäden zu befürchten haben. Solltest Du Dir dennoch Sorgen machen, hole Dir ärztlichen Rat ein und hinterfrage, ob es alternative Behandlungsmöglichkeiten gibt (Alemu, B. K., et al., 2024).
Probiotika als Wundermittel?
Probiotika werden oft zunehmend als Wundermittel für eine verbesserte Fruchtbarkeit angepriesen. In welchen Fällen die Einnahme von Probiotika jedoch tatsächlich sinnvoll ist, ist noch nicht ausreichend erforscht (Tahtouh Zaatar, M., et al., 2026).
In einigen Fällen sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jedoch zunehmend überzeugt von den positiven Auswirkungen der Einnahme von Probiotika. Die Vorteile, die eine Einnahme von Probiotika für PMOS-Patientinnen oder Frauen mit Endometriose oder Adenomyose haben kann, findest Du weiter oben bereits beschrieben.
Einigkeit unter Expertinnen und Experten herrscht darüber, dass die vaginale Applikation von Probiotika wirksamer sein kann für Kinderwunsch-Patientinnen als die orale Applikation (also klassisch in der Form einer Tablette, die geschluckt wird). Dadurch kann das Probiotikum seine Wirkung direkt dort entfalten, wo es gerade am stärksten gebraucht wird (Tahtouh Zaatar, M., et al., 2026).
Besonders eine Einnahme des Lactobacillus crispatus scheint die Fruchtbarkeit in vielerlei Hinsicht positiv zu beeinflussen (Li, L., et al., 2026). Besonders hervorzuheben ist jedoch die positive Wirkung auf die Fehlgeburtenrate (Barnea, E. R., et al., 2026). Die Studienautorinnen und Autoren weißen jedoch auch darauf hin, dass Probiotika bestimmte Anforderungen erfüllen müssen, um die Fertilität positiv beeinflussen zu können und diese Kriterien oftmals nicht (ausreichend) erfüllt sind (Li, L., et al., 2026).
Abhängig von der Störung des Mikrobioms kann beispielsweise bei wiederholtem Einnistungsversagen eine Kombination aus Antibiotika und Präbiotika nötig sein (Hiratsuka, D., et al., 2026).
Auswirkungen des Mikrobioms auf die männliche Fruchtbarkeit
Auch die männliche Fruchtbarkeit bleibt durch das Mikrobiom nicht unbeeinflusst. Immer öfter kann eine vermeintlich idiopathische Infertilität (also eine unerklärliche Unfruchtbarkeit) durch eine Störung des Mikrobioms erklärt werden (Luo, C., et al., 2026). Durch verschiedene Veränderungen der mikrobiellen Metaboliten kann ein gestörtes Mikrobiom Deine Fruchtbarkeit negativ beeinflussen. Außerdem kann beispielsweise der Energiestoffwechsel der Hoden oder die Blut-Hoden-Schranke durch das Mikrobiom eingeschränkt sein (Pan, M., & O'Flaherty, C., 2026).
Auch der oxidative Stress nimmt durch ein verändertes Mikrobiom zu ebenso wie die DNA-Fragmentation. DNA-Fragmentation bezeichnet einen oder mehrere Brüche in den Strängen des Erbguts in den Spermien (Kuribayashi, S., et al., 2026).
Spermienqualität
Besonders die Spermienqualität, die ja letztlich entscheidend ist für eine erfolgreiche Befruchtung, wird durch den Zustand des Mikrobioms beeinflusst. So nehmen unter anderem die Konzentration, Motilität (Beweglichkeit der Spermien) und Morphologie (Spermien-Form) der Spermien durch eine mikrobielle Störung ab (Pan, M., & O'Flaherty, C., 2026). Auch die Anzahl der Spermien, die überhaupt beweglich sind, ist bei Männern mit einem gestörten Mikrobiom verringert (Kuribayashi, S., et al., 2026).
Störung des Testosteron-Stoffwechsels
Der Testosteron-Stoffwechsel ist verantwortlich für die Menge an vorhandenem Testosteron welches sich ebenso wie die Spermienqualität auf die Fruchtbarkeit auswirkt. Durch eine Störung der Darmflora werden auch die endokrinen Funktionen beeinflusst, wodurch weniger Testosteron als üblich produziert werden (Pan, M., & O'Flaherty, C., 2026). Auch die Leydig-Zellen, die eine wichtige Rolle in der Produktion von Testosteron spielen, werden durch das Mikrobiom beeinflusst (Shim, Y. H., et al., 2025).
Probiotika als Therapie
Im Rahmen einer innovativen Studie konnte festgestellt werden, dass eine zusätzliche Einnahme von Probiotika die Testosteron-Synthese (also Herstellung) verbesserte und auch die Mitochondrien der Leydig-Zellen besser funktionierten. Mitochondrien werden oft als Kraftwerke der Zellen beschrieben (Shim, Y. H., et al., 2025).
In Bezug auf die Verbesserung der Spermienqualität werden vor allem eine Umstellung der Ernährung als erfolgreiche Therapie beschrieben (Pan, M., & O'Flaherty, C., 2026).
Letztlich sollte also individuell entschieden werden, ob und inwiefern die Einnahme von Probiotika sinnvoll ist. Eine Umstellung der Ernährung ist jedoch eindeutig anzuraten.
Häufig gestellte Fragen zum Thema
Was hat der Darm mit der Fruchtbarkeit zu tun?
Das Darmmikrobiom beeinflusst den gesamten Körper – auch das reproduktive System. Darmflora und Fortpflanzungsorgane stehen in ständiger Wechselwirkung. Bei Frauen kann ein gestörtes Mikrobiom den Eisprung, die Eizellqualität und die Einnistung beeinträchtigen. Bei Männern sind Spermienqualität und Testosteronspiegel betroffen.
Wodurch gerät das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht?
Häufige Ursachen sind eine ballaststoffarme Ernährung, übermäßiger Antibiotikaeinsatz und Adipositas. Auch Krankheiten können die Darmflora verändern. Eine erhöhte Zufuhr von Ballaststoffen über Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Obst und Gemüse ist ein zentraler Hebel.
Kann ein gestörtes Mikrobiom Fehlgeburten verursachen?
Ja, ein Mangel an Lactobacillus-Bakterien sowie eine verminderte Vielfalt des Mikrobioms können wiederholte Fehlgeburten (RPL) begünstigen. Im Hintergrund stehen oft Entzündungen und eine gestörte mütterlich-fetale Immuntoleranz, bei der der mütterliche Körper den Embryo abstoßen kann. Betroffen sind sowohl das Darm- als auch das vaginale und orale Mikrobiom.
Wie beeinflusst das Mikrobiom die Spermienqualität?
Bei Männern mit gestörtem Mikrobiom nehmen Konzentration, Beweglichkeit (Motilität) und Form (Morphologie) der Spermien ab. Auch der oxidative Stress und die DNA-Fragmentation – also Brüche im Erbgut der Spermien – steigen an. Bislang als „idiopathisch" eingestufte Unfruchtbarkeit lässt sich oft durch eine mikrobielle Störung erklären.
Kann das Mikrobiom den Testosteronspiegel senken?
Ja, über die Beeinflussung endokriner Funktionen und der Leydig-Zellen, die maßgeblich an der Testosteronproduktion beteiligt sind, kann ein gestörtes Mikrobiom zu verringerten Testosteronwerten führen.
Referenzen
- Barnea, E. R., Nazareth, A., Purandare, C. N., Pinheiro-Borovac, A., Carluccio, R. D., Purandare, N. C., McAuliffe, F. M., & FIGO Reproductive Endocrinology and Infertility Committee Members (2026). Optimizing Maternal Microbiome: Role in Improved Conception and Pregnancy Outcome. Reproductive medicine and biology, 25(1), e70014. https://doi.org/10.1002/rmb2.70014
- Tahtouh Zaatar, M., Othman, R., Abushawish, M., Akl, M., Alachkar, M. T., Almatboona, G., Alriyami, F., Alshaibani, A., Ashkanani, D., Basharova, M., Imam, M., Khassay, N., Mikhael, M. S., Naderi Far, R., Shaqra, S., Verwey, K., Suleimanova, A., Yousafzada, M., & Burmagina, Y. (2026). The Women's Microbiome: Molecular Insights, Clinical Gaps, and Future Frontiers in Precision Health with Implications for Gulf Cooperation Council Populations. International journal of molecular sciences, 27(6), 2521. https://doi.org/10.3390/ijms27062521
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