- Der AMH-Wert wird leider oft als Indikator für die allgemeine Fruchtbarkeit genutzt
- Dieser Wert an sich sagt jedoch eigentlich nichts über Deine Fruchtbarkeit aus
- Ein niedriger AMH-Wert könnte sogar ein Vorteil für Deine Kinderwunschreise sein
Das Anti-Müller-Hormon, kurz AMH, gilt als eine einfache und genaue Möglichkeit, die Eizellreserve einer Frau zu bestimmen. Ein niedriger AMH-Wert wird oft als problematisch betrachtet und als Zeichen für eine verringerte Fruchtbarkeit gewertet – auch von vielen Ärztinnen und Ärzten. Neue Studien zeigen jedoch, dass ein niedriger AMH-Wert eigentlich fast nichts über Deine Kinderwunschreise aussagen kann. Doch warum wird das Anti-Müller-Hormon weiterhin häufig getestet und liegen Ärztinnen und Ärzte wirklich falsch?
Tatsächliche Aussage des AMH-Werts
Der Wert des Anti-Müller-Hormons gibt Aufschluss darüber, wie viele Eizellen eine Frau noch hat. Er kann relativ einfach über eine Blutabnahme bestimmt werden und wird daher immer häufiger bestimmt. Solltest Du mehr über AMH erfahren wollen, empfehlen wir Dir diesen Artikel, der allgemeine Infos über den AMH-Wert enthält. Ein niedriger AMH-Wert wird meistens als schlechtes Zeichen für die Fruchtbarkeit einer Frau gewertet da weniger vorhandene Eizellen grundsätzlich die Chance auf eine Schwangerschaft verringern könnten. In Bezug auf eine künstliche Befruchtung kann der AMH-Wert auch helfen, abzuschätzen, wie viele Eizellen voraussichtlich heranreifen und dann entnommen werden können (Kassie, G. M., et al., 2026).
Beide Faktoren können wichtig für den Kinderwunsch sein – jedoch wird dabei ein wichtiger Faktor häufig übersehen: Der AMH-Wert gibt Hinweise auf die Anzahl Deiner Eizellen – keineswegs über ihre Qualität. Wie bei so vielen Dingen ist auch bei den Eizellen die Qualität jedoch mindestens genauso wichtig wie die Quantität und so wird, der AMH-Wert oft fälschlicherweise genutzt, um eine Aussage über die Fruchtbarkeit einer Frau zu treffen. Dabei ist eine solche Schlussfolgerung Studien zufolge meist falsch und nicht zielführen. Was genau ein niedriger AMH-Wert nun also tatsächlich bedeuten kann, schauen wir uns jetzt also an (Kassie, G. M., et al., 2026).
AMH-Wert bei natürlicher Konzeption
Frauen, die versuchen auf natürlichem Wege schwanger zu werden, dürfen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zufolge, getrost den AMH-Wert außen vor lassen. Studien konnten zeigen, dass der AMH-Wert keine Aussage darüber ermöglicht, wie wahrscheinlich eine Schwangerschaft über natürliche Befruchtung ist. Ein niedriger Wert des Anti-Müller-Hormons entspricht keiner verminderten Fruchtbarkeit und bedeutet nicht automatisch, dass eine natürliche Befruchtung unwahrscheinlich ist (Lin, C., et al., 2021). Hast Du einen regelmäßigen Zyklus empfehlen Expertinnen und Experten daher den AMH-Wert erst gar nicht zu bestimmen da er keine weiteren hilfreichen Informationen liefern kann (Kassie, G. M., et al., 2026).
AMH-Wert bei künstlicher Befruchtung
Während die Studienergebnisse zur natürlichen Befruchtung noch einigermaßen einleuchten, sorgen die Erkenntnisse zu AMH bei künstlicher Befruchtung für gewisses Entsetzen und einige Überraschungen: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten nämlich feststellen, dass ein höherer AMH-Wert statistisch gesehen sogar ein Nachteil für Deinen Kinderwunsch sein kann! Liegt der AMH-Wert über 10ng/ml konnten im Rahmen künstlicher Befruchtungen weniger klinische Schwangerschaften festgestellt werden und auch die Befruchtungsrate war geringer als bei Frauen mit einem AMH-Wert unter 10ng/ml (Park, H. J., et al., 2026).
In einer anderen Untersuchung wurde herausgefunden, dass ein erhöhter AMH-Wert zwar zu mehr klinischen Schwangerschaften führen kann aber, dass bei Frauen mit einem höheren AMH-Wert leider auch Fehlgeburten häufiger auftreten. Dadurch müssen Frauen mit einem höheren AMH-Wert oft mehrere Zyklen durchlaufen, bis sie ihr Wunder in den Armen halten dürfen (Ghasemabadi, A., et al., 2026).
Selbstverständlich sind diese Ergebnisse besorgniserregend aber kein Grund sich über einen hohen AMH-Wert zu ärgern. AMH-Werte können aus vielen verschiedenen Gründen erhöht (oder verringert) sein und sind leider keine Stellschraube auf dem Weg zum Wunschkind. Aus diesem Grund kann es sinnvoll sein, den AMH-Wert nur als Auskunft über die Anzahl der vorhandenen Eizellen zu sehen und an einem oder mehreren der vielen möglichen Ansatzpunkten für eine verbesserte Fruchtbarkeit zu arbeiten. Dazu gehören beispielsweise der Aufbau der Gebärmutterschleimhaut, die Reduktion von Mikroplastik oder das Bekämpfen stiller Entzündungen.
AMH-Wert bei PMOS
Frauen mit PMOS (früher PCOS) weisen oft einen AMH-Wert von über 6ng/ml auf. Dies liegt daran, dass die Follikel bei PMOS oft nicht richtig „zu Ende“ reifen und dadurch einen höheren Anti-Müller-Hormon-Wert verursachen können. Grundsätzlich ist ein hoher AMH-Wert auch bei Frauen mit PMOS ein Zeichen dafür, dass tendenziell viele Eizellen entnommen werden können im Rahmen einer künstlichen Befruchtung. Ein hoher AMH-Spiegel sollte aber auch als Warnzeichen gelten, da Frauen mit einem erhöhten AMH-Wert leider häufiger unter ovarieller Überstimulation (OHSS) leiden. Daher sollte besonders vorsichtig bei einer künstlichen Befruchtung vorgegangen werden und gegebenenfalls die Medikation angepasst werden – sowohl bei IVF als auch bei ICSI (Martins, A., et al., 2026). Genauere Informationen zur ovariellen Überstimulation findest Du hier.
Frauen, die unter PMOS leiden, aber einen niedrigeren AMH-Wert haben, weisen erstaunlicherweise höhere Lebendgeburtenraten und weniger Fehlgeburten auf (Wei, X., et al., 2026). Ein Grund zur Freude für Betroffene und – nach jetzigem Stand – ein Rätsel der Medizin. Warum genau, ein niedrigerer AMH-Wert nämlich vorteilhaft sein könnte ist nicht abschließend geklärt. In den nächsten Jahren werden also noch deutlich mehr Untersuchungen benötigt.
Aufgrund des eben erwähnten Risikos einer ovariellen Überstimulation bei PMOS solltest Du Deinen AMH-Wert vor einer künstlichen Befruchtung bestimmen lassen, um Deine Kinderwunschreise nicht nur erfolgreich, sondern vor allem auch sicher für Dich und Deinen Körper gestalten zu können (Wei, X., et al., 2026).
AMH-Wert und Fehlgeburten
Neben der Chance auf eine erfolgreiche Befruchtung ist das Risiko für eine Fehlgeburt ein ebenso wichtiger Bestandteil auf der Kinderwunschreise und sollte deshalb auch nicht zu kurz kommen.
Aneuploidie bedeutet, dass das Erbgut nicht der Norm entspricht und mindestens eine Abweichung vorliegt. Die meisten Fehler im Erbgut führen zu einer Fehlgeburt da der Embryo nicht lebensfähig ist. Ein verringerter AMH-Wert kann statistisch als Risikofaktor für Aneuploidien bei einem Fötus gesehen werden – jedoch haben die meisten Frauen, die bereits eine Schwangerschaft mit einer Aneuploidie hatten, keinen verringerten AMH-Wert. Woher kann dieser Widerspruch nun kommen? Möglicherweise rein zufällig: Frauen erleiden leider komplett unabhängig von ihrem AMH-Wert Fehlgeburten. Es ist also möglich, dass in dieser Untersuchung mehr Frauen mit niedrigem AMH-Wert eine Fehlgeburt hatten und sich dies nicht mit den Untersuchungsergebnissen bei Frauen mit voran gegangenen aneuploiden Schwangerschaften deckt. Außerdem wurde in dieser Studie nicht zwischen einer Translokations-Trisomie und einer spontanen Fehlverteilung unterschieden – eine Translokations-Trisomie steht jedoch nicht in Zusammenhang mit der Eizellreserve. Letztlich werden gewisse Aneuploidien natürlich auch durch einen Fehler in den Spermien verursacht – komplett unabhängig vom AMH-Wert (Zhao X. X. et al., 2026).
Bei einer anderen Untersuchung wurden die AMH-Werte von Frauen gemessen, die bereits eine oder zwei Fehlgeburten erlitten haben. Auch hier zeigt sich glücklicherweise kein Zusammenhang zwischen dem AMH-Wert und der Fruchtbarkeit im Rahmen natürlicher Konzeptionen (Zarek, S. M., et al., 2015).
Was tue ich nun bei hohem oder niedrigem AMH-Wert?
Wir sind uns vollkommen bewusst darüber, dass wir Dich möglicherweise gerade mit neuen und erschreckenden Informationen erschlagen haben. Vielleicht freust Du Dich gerade tierisch über Deinen AMH-Wert oder bist kurz davor, den Kopf in den Sand zu stecken. Bevor wir über irgendetwas anderes sprechen, möchten wir Dich einmal darauf hinweisen, dass Du Deinen AMH-Wert leider kaum beeinflussen kannst und Du ihn leider annehmen musst, wie er ist. Solltest Du einen niedrigen AMH-Wert haben und nun neue Hoffnung geschöpft haben, freuen wir uns mit Dir! Solltest Du einen höheren AMH-Wert haben und gerade ratlos sein, können wir Dich gut verstehen und fühlen mit Dir mit! An dieser Stelle ist es uns nochmal besonders wichtig, Dir klarzumachen, dass Dein AMH-Wert keine Aussage über deine Fruchtbarkeit allgemein zulässt, sondern maximal über die Anzahl der vorhandenen Eizellen. Dabei kann eine einzige Eizelle, die eine gute Qualität hat, der Schlüssel zu Deinem Wunschkind sein. Daher ermuntern wir Dich – auch wenn es gerade schwer ist – Dich auf das Verbessern der Qualität Deiner Eizellen zu fokussieren. Umfassende Informationen darüber, wie Dir das gelingen kann, findest Du hier. Konzentriere Dich also bitte nicht auf dieses eine Testergebnis, sondern versuch es bestenfalls zu ignorieren und Dich auf andere Dinge auf dem Weg zu Deinem Wunschkind zu fokussieren.
Soll ich meinen AMH-Wert messen lassen?
Der AMH-Wert wird bei unerfülltem Kinderwunsch oft gemessen und auch von immer mehr Frauen ohne Kinderwunsch bestimmt. Dies liegt oft daran, dass Frauen sich dadurch Aufschluss zu ihrer Fruchtbarkeit und zukünftigen Babyplanung erhoffen. Expertinnen und Experten empfehlen die Messung des AMH-Werts ohne Grund jedoch nicht. Das Testergebnis kann bei manchen Frauen falsche Entspanntheit hervorrufen, während es bei anderem zu unnötigem Stress oder überstürztem Einfrieren von Eizellen führen kann (Kassie, G. M., et al., 2026).
Sollten jedoch medizinische Gründe zur Bestimmung des AMH-Werts vorliegen, wie der Start einer IVF- oder ICSI-Behandlung bei PMOS so ist, die Bestimmung des Werts natürlich weiterhin sinnvoll. Trotzdem sollte auch in diesem Fall der AMH-Wert einfach als Indikator für die Eizellreserve dienen und Hinweis auf das Risiko für OHSS geben – keinesfalls aber als Grundlage zur Beurteilung der Fruchtbarkeit oder Chancen auf eine Schwangerschaft genutzt werden.
Häufig gestellte Fragen
Was genau sagt der AMH-Wert (Anti-Müller-Hormon) im Körper aus?
Der AMH-Wert informiert über die Menge der verbleibenden Eizellen (Eizellreserve). Er liefert jedoch keine Informationen über die Qualität dieser Eizellen oder die allgemeine Fruchtbarkeit einer Frau.
Warum ist ein niedriger AMH-Wert kein Hindernis für eine natürliche Schwangerschaft?
Bei einem regelmäßigen Zyklus reicht eine einzige Eizelle guter Qualität für eine Empfängnis aus. Studien zeigen, dass ein niedriger AMH-Wert die Chancen auf eine natürliche Befruchtung nicht verringert.
Welche Rolle spielt der AMH-Wert im Rahmen einer künstlichen Befruchtung (IVF/ICSI)?
Er hilft Ärztinnen und Ärzten abzuschätzen, wie viele Eizellen bei einer Stimulation voraussichtlich entnommen werden können. Zudem dient er der Dosierung von Medikamenten zur Vermeidung von Komplikationen.
Warum kann ein sehr hoher AMH-Wert bei künstlicher Befruchtung von Nachteil sein?
Ein stark erhöhter AMH-Wert (z. B. über 10 ng/ml) ist in Untersuchungen mit geringeren Befruchtungsraten sowie einem höheren Risiko für Fehlgeburten oder ein ovarielles Überstimulationssyndrom (OHSS) in Verbindung gebracht worden.
Warum ist die AMH-Bestimmung bei Frauen mit PMOS (PCOS) wichtig?
Frauen mit PMOS weisen häufig erhöhte AMH-Werte auf. Die Messung ist vor einer IVF- oder ICSI-Behandlung essenziell, um das Risiko einer ovariellen Überstimulation rechtzeitig zu erkennen und die Medikation anzupassen.
Steht ein niedriger AMH-Wert in direktem Zusammenhang mit Fehlgeburten?
Nein. Studien an Frauen mit vorausgegangenen Fehlgeburten belegen, dass kein direkter Zusammenhang zwischen dem AMH-Wert und den Chancen auf eine erfolgreiche erneute natürliche Schwangerschaft besteht.
Lässt sich der eigene AMH-Wert durch Medikamente oder Lebensstil verändern?
Nein, der AMH-Wert ist genetisch sowie altersbedingt vorgegeben und lässt sich kaum gezielt beeinflussen. Der Fokus sollte stattdessen auf Faktoren liegen, welche die Qualität der Eizellen und die allgemeine Gesundheit fördern.
Wann wird die Messung des AMH-Werts von Fachleuten empfohlen?
Eine Routinemessung ohne konkreten Grund wird nicht empfohlen, da sie oft zu unnötiger Verunsicherung führt. Sinnvoll ist die Bestimmung vor allem als Vorbereitung auf reproduktionsmedizinische Behandlungen wie IVF oder ICSI.
Referenzen
- Kassie, G. M., Copp, T., Lensen, S., Mazza, D., Boyle, J. A., & Grzeskowiak, L. E. (2026). Trends in Anti-Müllerian Hormone (AMH) Testing for Fertility Assessment in Australian General Practice, 2011-2021: A Retrospective Open Cohort Study. The Australian & New Zealand journal of obstetrics & gynaecology, 66(5), e70179. https://doi.org/10.1111/ajo.70179
- Lin, C., Jing, M., Zhu, W., Tu, X., Chen, Q., Wang, X., Zheng, Y., & Zhang, R. (2021). The Value of Anti-Müllerian Hormone in the Prediction of Spontaneous Pregnancy: A Systematic Review and Meta-Analysis. Frontiers in endocrinology, 12, 695157. https://doi.org/10.3389/fendo.2021.695157
- Park, H. J., Joo, J. H., Koo, Y. H., Lee, Y. C., Lee, J., Kim, K. Y., & Koo, D. B. (2026). Dual effects of anti-Müllerian hormone on ovarian response and fertilization in assisted reproductive technology cycles: a retrospective cohort study. Obstetrics & gynecology science, 10.5468/ogs.26089. Advance online publication. https://doi.org/10.5468/ogs.26089
- Ghasemabadi, A., Ghiasi Hafazi, S., Effati, S., Namakin, K., Ahmadi Zand, M., & Ghamsary, M. (2026). Modeling Diagnosis and Clinical Outcomes in Infertility Couples Considering Multiple Factors: A Retrospective Study. International journal of fertility & sterility, 20(3), 226–236. https://doi.org/10.22074/ijfs.2025.2040876.1760
- Martins, A., Ferreira-da-Silva, R., & Póvoa, A. M. (2026). Association between High AMH Levels in PCOS Patients and IVF/ICSI Outcomes: a systematic review and meta-analysis. Revista brasileira de ginecologia e obstetricia : revista da Federacao Brasileira das Sociedades de Ginecologia e Obstetricia, 48, e-rbgo25. https://doi.org/10.61622/rbgo/2026rbgo25
- Wei, X., Wang, Y., Hu, T., Li, H., Liu, L., Li, Z., & Zhao, X. (2026). Anti-Müllerian hormone levels and live birth rate in polycystic ovary syndrome patients undergoing assisted reproductive technology: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in medicine, 13, 1859573. https://doi.org/10.3389/fmed.2026.1859573
- Zhao X. X. (2026). Relationship between anti-Müllerian hormone concentration in the peripheral blood of women and aneuploid pregnancy. BMC pregnancy and childbirth, 26(1), 800. https://doi.org/10.1186/s12884-026-09294-9
- Zarek, S. M., Mitchell, E. M., Sjaarda, L. A., Mumford, S. L., Silver, R. M., Stanford, J. B., Galai, N., White, M. V., Schliep, K. C., DeCherney, A. H., & Schisterman, E. F. (2015). Is Anti-Müllerian Hormone Associated With Fecundability? Findings From the EAGeR Trial. The Journal of clinical endocrinology and metabolism, 100(11), 4215–4221. https://doi.org/10.1210/jc.2015-2474




















